JOHANNES DIETHART
Vergiß mein braves
Gesicht
Aphorismen

Österreichisches Literaturforum
März 2011
ISBN-10: 390276001X
ISBN-13: 9783902760012
€9,90

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Aphorismen, meinen manche Leute, seien rasch geschrieben, zwei oder drei Zeilen, selten mehr, was man sich halt so denkt, was den Menschen beschäftigt, wenn er Zeit hat um nachzudenken, über Gott und die Welt, über alles halt, was so mit dem Leben zusammenhängt. Welch ein fataler Irrtum! Ja, es kann vorkommen, daß diese zwei oder drei Zeilen ganz plötzlich da sind, daß man sie ohne langes Nachdenken aufschreiben kann, weil sie einfach perfekt sind, weil man das, was sie aussagen, einfach nicht besser sagen und aufschreiben könnte, aber es kann auch ganz anders sein. Manchmal nämlich fließt in diesen zwei oder drei Zeilen (oder gar nur in einer!) zusammen, was der Mensch ein Leben lang zu einem bestimmten Thema gedacht und endlich in die ihm passendste und perfekteste Form gebracht hat. Daß er endlich weiß: so und nicht anders will ich es aufschreiben, so soll es stehen bleiben. Eine bessere, eine knappere, eine perfektere Formulierung finde ich nicht.

Gleich auf der ersten Seite findet sich der Versuch einer Definition: „Gedankenkrümel manchmal kosmischen Ausmaßes.” Und auf Seite zwei: „Aphorismen sollen nicht nur klare Antworten geben, sondern vor allem provokante Fragen aufwerfen.” So läßt sich eine Art Aufgabe formulieren, wenn man beim Lesen dieses Bändchens nicht gerne völlig davon absehen würde, eine solche zu suchen. Hier denkt und schreibt einfach ein gescheiter, kritisch denkender, nachdenklicher Mann, der über genügend Ironie verfügt, um das, was er überlegt, worüber er nachgedacht hat oder was ihm, siehe die oben erwähnte Möglichkeit, blitzartig eingefallen ist, mit einer, wie man das einst genannt hat, „spitzen Feder” für sich selbst und andere festzuhalten. „Nicht hinter jeder Maske kommt ein Gesicht zum Vorschein”, heißt es auf Seite 17, besser könnte man, was mit dem Titel wohl ausgedrückt werden soll, kaum sagen. Hinter der braven Maske steckt hier der kritische Betrachter unserer Welt, dem bei aller Scharfsichtigkeit die Fähigkeit noch nicht abhanden gekommen ist, sie trotz aller Fürchterlichkeiten, die sich in ihr ereignen, mit jener Art von Witz zu betrachten, den man braucht, um die Negativa wahrnehmen zu können, ohne daran zu verzweifeln. Jener Witz also, den man zugleich als Waffe und als Schutz verwenden kann.

Ilse Tielsch
Vorwort

Die einzige „Internationale”, die es heute noch gibt (abgesehen vom globalisierten Musikgeschmack – um es „vorsichtig” = satirisch auszudrücken – der Pubertätlinge und Spätpubertätlinge) ist die Internationale der Aphoristiker.
Unabhängig von Nation und Zeit halten sie mit spitzer Feder sich selber und der Welt einen Spiegel vor, welcher die gefährliche Eigenschaft hat, dem Menschen die wahre Maske unter dem Gesicht zu zeigen.
Man hat den Aphorismus auch mit einer Blütenknospe verglichen, aus der die verschiedensten Blüten aufgehen können, eine bunte Welt von Interpretationen, von der duftenden Rose bis zur stacheligen Distel, die ihn in die Nähe eines delphischen Orakels rückt, wenn der Aphoristiker
Zwei- und Mehrdeutigkeiten bewußt angelegt hat, um ein Feuerwerk von Aha-Erlebnissen zu provozieren. Du kommst als anderer heraus, als der du in einen Aphorismus hineingegangen bist. Meint Franz Pillinger, selber Aphoristiker, und lächelt sphingenhaft.
In seinem dritten Aphorismenband breitet Johannes Diethart wieder die gesamte Bandbreite aphoristischen Schaffens aus, die sich auch durch wachsende Routine auszeichnet. Auch diese Aphorismen bestechen durch ihre Offenheit für alle Lebensbereiche und durch den Mut, kein vermeintlich beschönigendes Feigenblatt vor den Mundnehmen zu müssen. Unsere vermeintlich heile Welt, angeblichdie beste aller Welten, wie es bekanntlich der Philosoph Leibniz ausgedrückt hat, braucht die Abreibung durch die feine Klinge der Aphoristiker, um auf Vordermann gebracht zu werden.
Als sein Motto kann gelten: Wer meint, ein Aphorismus müsse wenigstens eine kleine Supernova sein, der hat mordsmäßig untertrieben.
Dem kann nichts mehr hinzugefügt werden außer der Wunsch, sich den Aphorismen dieses Bändchens mannhaft zu nähern. Und das gilt auch für Frauen (damit unsere PC-Deutschen besser schlafen können).

Eines noch: Wie mir Johannes Diethart mitgeteilt hat (brieflich vom 1.12.2010), legt er großen Wert darauf, daß dieses Buch der alten Rechtschreibung folgt. Die Entscheidung bezieht sich auf die Sinnwidrigkeit der meisten neuen Regeln und darauf, daß sie sich gegen die deutsche Sprache selbst richten. Das ist in der deutschen Gemeinde von Santiago de Chile (von ein paar Sprachlemmingen abgesehen) auf wohlwollende Zustimmung gestoßen.

Hannes Outis, Santiago de Chile, im Jänner 2011