JOHANNES DIETHART
Meine „vergessenen” Wörter

Österreichisches Literaturforum
Wachau, Jänner 2019
ISBN: 978-3-902760-16-6
€ 15,00

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Osman Nabil hat in seinem 2004 in München erschienenen
verdienstvollen Büchlein Kleines Lexikon untergegangener
Wörter oder von Afterkind bis Zungenheld
die Aufmerksamkeit von Fachleuten und Sprachfreunden
auf die Zehntausenden „vergessener” Wörter gelenkt,
die im Laufe der Sprachgeschichte allein im
Deutschen aus den verschiedensten Gründen einfach
„vergessen worden” und abgekommen und außer Gebrauch gekommen sind.

Als eines von vielen sei noch das 2013 im Berliner
Dudenverlag erschienene Büchlein Wortfriedhof. Wörter,
die uns fehlen werden genannt.

Zahlreiche Gegenstände und Vorstellungen und mit
ihnen deren angestammte Bezeichnungen sind durch
den Fortschritt von Wissenschaft und Technik, dem
Kriegswesen (Der Krieg ist der Vater aller Dinge /
πόλεμος πατὴρ πάντων),
sagte man nicht umsonst in der
Antike) und der Medizin, um nur einige zu nennen,
verschwunden, althergebrachte Denkweisen und geradezu in Stein gemeißelte Anschauungen sind obsolet
geworden oder neuen Moden oder einfach modischen
„Trends” gefolgt, Bildungsinhalte, die seit der Antike
im Schwange waren, haben sich verändert oder überlebt,
mit einem Wort: die „Entwicklung” hat auch vor
unserer Sprache noch lange nicht Halt gemacht, und
die sogenannten „neuen Medien” kehren das Unterste
zu oberst. Heut zu Tage ist es die Englischhuberei und
in unseren Landen darüber hinaus die „Verpreußung”
der Sprache, seit langem als „Preußenseuchlerei”
belächelt, aber massiv von der Schule gefördert, weil
das zuständige Ministerium immer noch der Meinung
ist, das Frankfurter Deutsch sei höherwertiger als die
österreichische Lautung und der heimische Wortschatz.

Die Uferlosigkeit an Wortmaterial hat Sprachliebhaber
und Wörterbuchmacher, die sogenannten Lexikographen,
fast jeglicher Sprache seit Generationen schier
zum Verzweifeln gebracht, und das Diktum Goethes
mag einem das Dilemma eben dieser Wörterbuchmacher,
möglichst „alles” erfassen zu müssen, anschaulich
vor Augen führen:

So eine Arbeit wird eigentlich nie fertig, man muß
Sie für fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen
das möglichste getan hat.

Das gilt im Bereich (nicht nur) der deutschen Sprache
zuvörderst für das Grimmsche Wörterbuch (33 Bände)
und alle anderen vor und nach diesem Jahrtausendwerk
unternommenen Wörterbuchprojekte.

Und es dient nur der idealiter angestrebten Vollständigkeit,
Lesefrüchte deutscher Zunge, die nicht oder
(zu) spät in die Wörterbücher aufgenommen worden
sind, künftigen Wörterbuchmachern als Material („wie
aus einem Steinbruch”) zu Verfügung zu stellen.

Zu Wesen und Wert des Dialekts lassen wir in diesem
Zusammenhang Johannes von Delling zu Wort
kommen:

Sammlungen der, einer besonderen deutschen
Mundart eigenthümlichen Wörter, sagt Delling, dienen
nicht zur blossen Belustigung; der Zweck, zu dem man
sie verfertiget, ist ernsthafter. Jdiotika lernen uns erst
den Reichthum der Sprache genauer kennen, und koennen
eine Quelle der Bereicherung derselben werden; in
ihnen entdecket man nicht selten Spuren, mittelst deren
man die Geschichte einzelner Woerter und ihrer Formen
bis zu Ihrem Ursprunge verfolgen kann ...

Aber keine Angst vor der Lektüre: die hier vorgelegten
Wörter zeigen über innerdeutsche Grenzen hinweg
die Fülle deutscher Sprache, ja, sogar (fast) zeitlose
Sprachschöpfungen.

Unsere Quellen sind zum einen Wörterbücher wie
das der Brüder Grimm, die mit zeitgenössischen Wörterbüchen
wie dem Duden abgeglichen werden, dann
weiters Idiotika, die eine wichtige Darstellung vor
allem österreichischer Dialekte durch „Hochdeutsch”
sprechende Reisende in österreichischen Landen zu einem
bestimmten Zeitpunkt darstellen, dann „Fundstücke”
jeglicher sprachlicher Art aus eigenem Literaturstudium,
vor allem aus Zeitungen und Zeitschriften,
die von Wörterbuchmachern des öfteren stiefmütterlich
behandelt worden sind.

Das Hauptaugenmerk liegt auf der Auswertung von
Zeitschriften und Zeitungen aus dem Osten Deutschlands,
um dem gelernten Österreicher die Sprache dieser
Region nahe zu bringen.

Auf jeden Fall kann sich der Sprachfreund auf die
Sprachrosinen freuen, die Johannes Diethart auf seiner
„Sprachreise” durch weit über 450 Jahre deutscher
Sprachgeschichte zusammengetragen hat und hier serviert.

Hannes Outis, Santiago de Chile

Bombenwagen (der)

Im zeitgenössischen Gebrauch ist das nur mehr
ein Wagen zur Beförderung von Bomben.

Es kann aber auch ein Wagen zur Beförderung
von Personen sein, wie er im Oberschlesischen Wanderer
vom 9. April 1833, S. 72, zum Verkauf angeboten
worden ist: Ein schon gebrauchter, aber noch
ganz guter, sehr bequemer Bombenwagen, mit grünem
Saffian ausgeschlagen, hinten und vorn in Federn
hängend, ist zu verkaufen ...

Das ist auch zur Zeit von Joseph von Eichendorff
(1788-1857) aktuell gewesen, wie wir
Pie-rer's Univerallexikon entnehmen können:
... und bin dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost
immer weiter gefahren, daß der Bombenwagen immerfort
auf zwei Rädern über die entsetzlichen Steine
flog.

Kein Beleg im Grimmschen Wörterbuch, aber
im genannten Pierer's Universal-Lexikon, Band 3, S. 60,
der in Zeno.org genannt ist.